07.03.2021
Warum Halunken an der Börse so selten auffallen

Sonntagszeitung, 07.03.2021, GELD & MEHR (Geld und Mehr), Seite 28 - Ausgabe D1N, D2, R - 1070 Wörter

Michael Zollweg hat mehr als 20 Jahre lang die Handelsüberwachung an der Deutschen Börse geleitet. Doch oft war er machtlos gegen Marktmanipulationen und fiese Tricks. Jetzt probiert er etwas Neues.

Von Daniel Mohr

Der Wirecard-Skandal ist für Zehntausende Anleger ein großes Desaster. Viele haben eine Menge Geld verloren. Lug und Trug, das Versagen von Wirtschaftsprüfern und Finanzaufsicht sind offenkundig. So etwas schadet dem Ansehen des Kapitalmarkts.

Michael Zollweg hat das nicht überrascht. Der 60 Jahre alte Jurist stand mehr als 20 Jahre in den Diensten der Deutschen Börse. Er war Leiter der Handelsüberwachung. Bessere Einblicke in das Geschehen an den Märkten hat wohl kaum einer hierzulande. "Die Zustände in Deutschland sind so nicht länger haltbar", sagt Zollweg. "Es ist ziemlich eskaliert, der internationale Reputationsverlust ist riesig, ich weiß gar nicht, was noch schlimmer werden kann. Aber es werden sich nur gegenseitig die Verantwortlichkeiten zugeschoben."

Zollweg spricht vor allem von der Finanzaufsicht Bafin, aber auch von der Bundesbank, den Landesaufsichtsbehörden, den Ministerien. "Wir haben in Deutschland eine zersplitterte Aufsicht. Die Bundesländer überwachen ihre Börsen, aber die Bafin vertritt Deutschland auf internationalem Regulierungsparkett. Mit Informationen aus zweiter oder dritter Hand." In der Handelsüberwachungsstelle der Deutschen Börse laufen alle Daten zum Börsenhandel in Frankfurt zusammen. "Aber diese Daten hat die Bafin zum größten Teil nicht, sie ist dafür nicht zuständig. Auf internationalem Parkett kann sie bei den Themen daher nur durch Schweigen glänzen, die Fachkenntnis fehlt", sagt Zollweg. "Es kann nicht sein, dass die Bafin nur vom Hörensagen mitbekommt, was im Börsenhandel läuft."

Zollweg beklagt den mangelnden Informationsfluss zwischen den Aufsehern: "Für die Frankfurter Börse sind sieben oder acht Referenten im Wirtschaftsministerium in Wiesbaden zuständig, und für die Börsen in den anderen Bundesländern sind es oft nur zwei Leute. Aber die reden zu wenig miteinander." Seit zehn Jahren würden Dinge bemängelt, aber es sei nichts passiert. "Das Regelwerk wird zwar immer dicker, aber an den grundlegenden Problemen wird nichts geändert."

Dabei werden die Herausforderungen für die Börsenaufsicht immer größer. Der Fall Gamestop hat gezeigt, dass sich plötzlich viele Anleger in sozialen Medien zu Aktien austauschen, ihre Ansichten äußern, Informationen preisgeben. Ist das Marktmanipulation? Der Handel findet zudem längst nicht mehr nur an einer Stelle statt. Die Börsenlandschaft ist fragmentiert, international, der Handel wird immer schneller, günstiger und damit auch zugänglicher für neue Anleger. Gerade die jüngere Generation entdeckt mit Macht den Börsenhandel für sich. "Unsere veraltete Struktur, unsere föderale Struktur ist damit überfordert. Das ist nicht mehr zeitgemäß", sagt Zollweg. "Aus 20 Jahren Handelsüberwachung kann ich nur das Fazit ziehen: Es gibt ein strukturelles Versagen."

Konkret äußere sich das zum Beispiel in der Bearbeitung der Fälle von Marktmanipulation: "Wir haben in der Handelsüberwachung vor vier oder fünf Jahren Fälle gemeldet, da ist heute noch keine Entscheidung da", sagt Zollweg. "Da können Sie sich ausrechnen, wie schnell die Behörden sich mit dem Gamestop-Handel befassen werden."

Oder das Drama um Cum-Ex, den milliardenschweren Steuerbetrug rund um die Erstattung von Steuern auf Dividendenzahlungen, der auch der Deutschen Börse Hausdurchsuchungen eingebracht hat: "Natürlich konnten wir rund um die Dividendenstichtage auffällig hohes Handelsvolumen beobachten, hatten aber einen Maulkorb angelegt bekommen und durften die nicht melden. Per Gesetz. Verbot der Zusammenarbeit mit den Steuerbehörden. Paragraph 10 Absatz 3 Börsengesetz. Verschwiegenheitspflicht. Wir haben das immer wieder kritisiert, aber es wurde bis heute nicht aufgegriffen."

Zollweg hat im Herbst 2019 bei der Börse seinen Abschied angekündigt, blieb ihr noch bis Ende 2020 als Berater erhalten, und unterstützt nun eine Unternehmensgründung. Die Unterschriften unter den Notarverträgen sind noch frisch. Noch im März soll die Eintragung im Handelsregister erfolgen. Pythiania AG soll das Unternehmen heißen, abgeleitet von Pythia, der Hohepriesterin des Apollo-Tempels in Delphi, auch bekannt als das Orakel. Genau so etwas schwebt den Gründern vor. Jemand, der im Meer der Falschmeldungen und unklaren Vorschriften der Handelsüberwachung sichere Navigation bietet, durch Kommunikation, regen Austausch und das Sammeln von Erkenntnissen. Carl-Frederik Scharffenorth, ebenfalls mit vielen Jahren Erfahrung in der Handelsüberwachung der Deutschen Börse ausgestattet, soll Vorstand der Firma werden, Michael Zollweg den Aufsichtsratsvorsitz übernehmen, unterstützt von einem Beirat aus maximal zehn internationalen Mitgliedern verschiedener Marktplatzbetreiber und Aufsichtsbehörden quer über alle Kontinente. Die Kontakte dahin haben beide. Im Sommer will das Unternehmen auf Investoren zugehen.

"Ziel ist weniger Missbrauch und Manipulation im Börsenhandel", sagt Scharffenorth. "Wir wollen mehr aufdecken, einen Marktplatz für Compliance gründen, auf dem sich alle Aufseher anonym austauschen können und aus ihren Silos herauskommen. Sie sollen rechtssicher ihre Meinung und ihre Informationen austauschen können." Bisher fehle die Transparenz, der echte internationale Austausch von Informationen auf Augenhöhe. "Das wollen wir schaffen. Eine Infrastruktur mit offener Architektur. Banken, Börsen, Aufsichtsbehörden, alle könnten Kunden werden."

Ein Technologiepartner wird gerade gesucht. Die Internetseite ist seit Samstag unter www.pythiania.io erreichbar. Es soll ein dezentrales interoperables Überwachungsnetzwerk entstehen. "Wir wollen von der überwachenden Hand zur helfenden Hand werden", sagt Carl-Frederik Scharffenorth. "Wenn alles klappt, machen wir den Halunken in Zukunft das Leben deutlich schwerer."

Aus Zollwegs Erfahrung ist der Bedarf für so etwas riesig. Viele Behörden arbeiten nur nebeneinanderher, haben für sich viele Informationen, wissen aber nicht, wie sie die klug austauschen können. Zumal sie überrollt werden von einem immer regeren Handel an den Börsen. "Die Demokratisierung geht weiter. Immer mehr Privatanleger werden aktiv. Vielleicht wird der Einzelne bald direkt zum Handel zugelassen. Ohne Bank oder Broker dazwischen." Das erfordere eine Debatte über regulatorische Effizienz. "Wir haben 10 000 auffällige Fälle in der Woche gehabt. Wie soll eine veraltete Aufsichtsstruktur denn damit umgehen? Eine zentrale Aufsicht gibt es nicht. Wer sich dieser Tage alles mit Wirecard beschäftigt hat, ohne dass das irgendwo in einer Hand vernünftig zusammengelaufen ist. Wir müssen uns doch überlegen, wie wir Insiderhandel aufdecken, der über mehrere Marktplätze geht."

Zumal Zollweg die Fachkenntnis in den Behörden für verbesserungswürdig hält. "Der Mangel an Fachkenntnis liegt auch im Gefälle der Vergütung begründet. Die Bafin zahlt nach den Tarifen im öffentlichen Dienst. Da bekommen sie keine Fachleute aus der Finanzbranche mit Erfahrung. Im Marktmanipulationsbereich werden daher in der Regel Studenten frisch von der Uni angeheuert, aber die brauchen Zeit, um sich da einzuarbeiten. Die Bundesschuldenagentur zeigt, dass auch andere, konkurrenzfähigere Vergütungen in öffentlichen Behörden möglich sind."

Bleibt alles so, wie es ist, befürchtet Zollweg, werde sich ein Fall Wirecard wiederholen. Das geplante Finanzmarktintegritätsstärkungsgesetz jedenfalls reicht ihm nicht.

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